Urs Jenni

UrsAls ich geboren wurde, wurden im ganzen Land die Kirchenglocken geläutet! Mein Bruder relativiert diese Aussage jeweils mit dem Spruch: „Das ist jeden Sonntag Vormittag so!“

Ich betrachte mich als Sonntagskind und der Sommer 1968 ging so oder so in die Geschichte ein.

Ich will mit meinen Geschichten unterhalten – ich will nicht belehren, keine Meinung bilden oder jemanden beeinflussen.

Seit 2008 als Blogger auf wortsucht.ch zu lesen, 2012 als Buch: 101 Dorfladengeschichten – Kaufst du noch oder nervst du schon?

 

Beispieltext:

 

Es fühlte sich seltsam an. Von Anfang an. Schon als ich aufwachte, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass heute nicht mein Tag sein könnte. Natürlich verspätete sich noch der Zug. Erstaunlicherweise konnte ich auf dem Weg zum Büro 10 Minuten zurückgewinnen.

Als ich im Geschäft vor der Eingangsschranke stand, bemerkte ich, dass mein Zugangs-Batch nicht funktionierte. Glücklicherweise kam gerade eine junge Frau, die ich bei uns zwar noch nie gesehen hatte, aber sie liess mich mit ihrem Code rein.

Irgendwie kam mir alles fremd vor – ich setzte mich dennoch an den Schreibtisch und startete den Computer. Vermutlich hatte sich die Putzfrau wieder mal die Mühe gemacht, meinen Tisch ordentlich aufzuräumen. Jedenfalls sah er nicht aus, wie sonst.

Natürlich akzeptierte der Computer an diesem Morgen das Passwort nicht. Genau das hatte mir noch gefehlt. Glücklicherweise klebt die Nummer des Benutzersupports an meinem Bildschirm. Ich liess das Passwort zurücksetzen und konnte mich danach einloggen.

Im Flur vor dem Büro herrschte zunehmend Betrieb, weshalb ich die Türe schloss. Ich war etwas erstaunt – noch nie war mir aufgefallen, dass es einen Schlüssel dazu gab. Nun, um in Ruhe arbeiten zu können, benutzte ich ihn.

Wohl gerade rechtzeitig. Während zwei Stunden klopfte es immer wieder an die Türe, Leute diskutierten laut und einmal versuchte sogar jemand, einen Schlüssel von aussen zu benutzen. Wie blöd kann man sein? Sicher lasse ich den Schlüssel im Schloss stecken, wenn ich nicht gestört werden will …

Trotz des Lärms im Flur kam ich gut voran, ich korrigierte Verträge, bestätigte Rechnungen und beantwortete Anfragen von Kunden. Wie gesagt. Es fühlte sich seltsam an. Normalerweise machte ich solche Dinge nicht.

Der Lärm im Flur wurde immer schlimmer. Kurz vor Mittag zertrümmerte eine Sondereinheit der Polizei die Bürotüre. Ich schaute durch das klaffende Loch hinaus an die gegenüberliegende Wand und da fiel es mir auf: Ich war gar nicht in meinem Büro.

Das anschliessende Verhör auf dem Polizeiposten bestätigte meinen Verdacht nur teilweise. Ich war zwar in meinem Büro – aber nicht bei meinem Arbeitgeber.

Habe ich es nicht gleich gesagt? Bei uns gibt es keine Schlüssel zu den Bürotüren! Es fühlte sich die ganze Zeit seltsam an …

 

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